Leserbrief: Wie geht es den Taxifahrern

In diesem Leserbrief beschreibt der Taxi-Soziallotse die Lage der Taxifahrerinnen und -fahrer.

19. Mai 2020 von Klaus Meier
 

In der Berliner Zeitung vom 19.5.2020 schreibt Lutz Schnedelbach, über seine Begegnungen mit Taxifahrern in Corona-Zeiten. Die früher mitteilungsfreudigen und amüsanten Menschen sind verstummt. Ihre Bemühungen um Hygiene im Fahrzeug wirken auf den Autor hilflos und desorientiert.

Sehr geehrter Herr Schnedelbach,

vielen Dank für Ihr Streiflicht auf die Veränderungen im Leben der Berliner Taxifahrer. Wir werden kaum mehr als Teil der Stadtgesellschaft wahrgenommen. Umso wichtiger ist Ihr Text.

(...) Vom Taxifahren kann zur Zeit niemand leben. Die stündlichen Umsätze bewegten sich vor Corona um die 20 Euro, während des Lockdowns waren kaum 5 Euro drin, und jetzt nähern wir uns langsam der 10-Euro-Marke.

Die Solo-Selbständigen

Die 2500 Soloselbständigen mit eigenem Auto halten dank Corona-Soforthilfe noch ein wenig durch. Viele von ihnen werden aufgeben, sobald dieses Geld aufgebraucht sein wird, denn niemand rechnet damit, jemals wieder ordentlich vom Taxifahren leben zu können. Das verhindert die Politik von Verkehrsminister Scheuer, der das Geschäft des Mietwagenvermittlers Uber betreibt.

Die Angestellten

Die anstellten Fahrer, etwa 15.000 Männer und Frauen, erhalten in der Regel ein Drittel vom Umsatz als Lohn ausgezahlt. Zu Coronazeiten entspricht das kaum zwei Euro pro Stunde. Vergessen Sie den gesetzlichen Mindestlohn, den zahlt höchstens eine knappe Handvoll der Berliner Taxibetriebe.

Die Hälfte der während des Lockdown aktiven Taxifahrerinnen und -fahrer sind Angestellte, die um den Mindestlohn betrogen werden. Sie alle leben von den kleinen Einkommen ihrer Frauen und anderen Familienmitglieder. Ihr Kurzarbeitergeld wird, so sie es überhaupt erhalten, anhand ihrer bereits vorher extrem niedrigen Löhne berechnet und "macht den Kohl nicht fett".

Viele Fahrer befürchten, dass ihre Chefs das Kurzarbeitergeld in die eigene Tasche stecken und nur die absurd niedrige Umsatzprovision auszahlen. Das wird in einigen Fällen genau so passieren.

Die Stimmung

Die vorherrschenden Gefühle, denen ich bei Gesprächen am Halteplatz begegne, sind Wut, Unsicherheit, abgrundtiefe Depression und Angst. Die Kollegen sehen sich von allen verlassen: Von den Kfz-Herstellern, von der Polizei, von der Taxi-Aufsichtsbehörde, von ihren Chefs, von den Medien und von der Politik sowieso.

Dafür sind ihnen die wenigen verbliebenen Fahrgäste umso wichtiger, auch wenn es nicht immer gelingt, wirklich gute Mine angesichts des bösen Spiels zu machen.

Die Zukunft

Ich befürchte, dass ehrlich arbeitende kleine Taxiunternehmen nach dem Corona-Lockdown auf der Strecke bleiben, während alle fröhlich weitermachen, deren Geschäftsmodelle auf skrupelloser illegaler Ausbeutung der Fahrerinnen und Fahrer, auf der Verkürzung von Steuern und Sozialabgaben und schlimmstenfalls auf Geldwäsche und anderen kriminellen Aktivitäten beruhen.

Auf Uber & Co. können wir nicht hoffen. Im Vergleich zum Grad der Ausbeutung in dieser Branche ist die Lage der Taxifahrerinnen und -fahrer geradezu idyllisch.

Was tun ?

Noch so gutes Trinkgeld löst diese Probleme nicht. Aber wir sprechen gerade sehr viel über Verkehr und Stadtentwicklung. Vielleicht könnte es helfen, Taxis wieder zu einer preiswerten Einrichtung für alle zu machen, die als Teil des ÖPNV überall dort fahren, wo U-Bahn und Großer Gelber nicht hinkommen oder unrentabel sind. Dann treffen Sie auch wieder gut gelaunte Taxilenker, die spannende Geschichten erzählen können.

Mit freundlichen Grüßen,
Klaus Meier

Link zum Artikel in der Berliner Zeitung: https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/berlin-mit-dem-taxi-durch-die-corona-krise-li.83818